Statement zur Pressekonferenz am 10. November 2015 anlässlich des 4. Deutschen Bauwirtschaftstages in Berlin

Von Karl-Heinz Schneider, Vorsitzender Bundesvereinigung Bauwirtschaft, und Dr.-Ing. Hans-Hartwig Loewenstein, Präsident Zentralverband Deutsches Baugewerbe

Zu Jahresbeginn hatten wir ein Umsatzwachstum für die Bauwirtschaft von 2 % prognostiziert. Damit wächst der Umsatz um fast 5 Mrd. Euro auf gut 230 Mrd. Euro Dass dieser Wert deutlich über dem im Frühjahr genannten Volumen von 221 Mrd. Euro liegt, ist einem statistischen Effekt zuzuschreiben: Mittlerweile liegen die Daten der Handwerkszählung 2012 vor, die einen um 4 % höheren Umsatz ausweist, als er ursprünglich vom Statistischen Bundesamt gemeldet wurde. Die Basiswerte für unsere Prognose haben sich also erhöht.. Dieses werden wir zum Jahresende auch erreichen.
Die Umsatzentwicklung ist in den einzelnen Sparten unterschiedlich: Am stärksten wächst der Bereich Gebäudetechnik mit +2,5 %; das Bauhauptgewerbe folgt mit ca. +2 % und der Ausbau hält erreicht ca. +1,5 %. Der Umsatz wird bei dem prognostizierten Beschäftigungsniveau von 2,5 Mio. erzielt. Auf das kommende Jahr 2016 blicken die Unternehmen recht zuversichtlich. Es wird mit einem etwas höheren Umsatzwachstum um 2,5 % auf 235 Mrd. Euro bei stabiler Beschäftigung gerechnet.

Kommen wir zu den Sparten im Einzelnen:

1. Bauhauptgewerbe

Dass die für 2015 prognostizierte Umsatzsteigerung von +2 % gehalten wird, ist besonders der Entwicklung im Wohnungsneubau zuzuschreiben.

Im Jahr 2014 wurden insgesamt 245.325 Wohnungen errichtet. Für 2015 rechnen wir mit ca. 265.000 Hierbei sind alle Baumaßnahmen im Neubau und Bestand im Wohn- und Nichtwohnungsbau berücksichtigt.. Dies entspricht einem Zuwachs um fast 110.000 Wohnungen in sechs Jahren gegenüber dem Tiefstand in 2009 (= +70 %).

Hier ist die Perspektive weiter gut, denn die Rahmenfaktoren für den Wohnungsneubau, wie eine stabile Beschäftigung, steigende Einkommen und niedrige Finanzierungskosten sind intakt und bleiben auch in 2016 bestehen. Besonders in den Ballungsräumen ist preiswerter Wohnraum knapp. Die anhaltende Binnenwanderung in Städte und Ballungszentren sowie die steigende Zahl an Flüchtlingen macht die Fertigstellung von jährlich bis zu 400.000 Wohnungen in Deutschland erforderlich. Auch das Bauministerium spricht mittlerweile von mindestens 350.000 Wohnungen.

Die Baugenehmigungen halten jedoch mit dem unbestritten hohen Wohnungsdefizit nicht Schritt. Das Genehmigungsvolumen erwarten wir in diesem Jahr bei 300.000 Wohnungen, und das wären immer noch 100.000 Wohnungen zu wenig.

Die Bautätigkeit wird sich nur erhöhen lassen, wenn Investoren den Verkauf bzw. eine dauerhafte Vermietung der errichteten Wohnungen erwarten: Die gegenwärtig gültige Abschreibung von 2 % linear für Mietwohnbauten ist nicht mehr sachgerecht. Der Anteil von Bauteilen mit einer Nutzungsdauer von deutlich unter 50 Jahren, wie z.B. die Haustechnik, überwiegt inzwischen.

Ursache dafür ist die fortdauernde Technisierung der Gebäude und Wohnungen aufgrund steigender Anforderungen z. B. an ihre Energieeffizienz. Die generelle Erhöhung der Abschreibung im Mietwohnungsneubau auf 4 % ist daher ein notwendiger Schritt, um mehr Mietwohnungen auf den Markt zu bringen, die auch für Haushalte mit mittleren Einkommen bezahlbar sind.

Für den Neustart im sozialen Wohnungsbau ist die Wiedereinführung der degressiven Afa (§7k EStG) für private Investoren notwendig. Investitionen genossenschaftlicher und kommunaler Wohnungsunternehmen müssen über Investitionszulagen animiert werden. Nunmehr sieht auch die Bauministerkonferenz in der steuerlichen Vergünstigung für den freifinanzierten Wohnungsbau einen sinnvollen Anreiz für benötigte private Investitionen. Das ist erst einmal positiv.

Die Verdopplung der Fördermittel des Bundes an die Länder für den sozialen Wohnungsbau für die Jahre 2016 - 2018 auf ca. 1 Mrd. Euro ist ebenfalls ein richtiger Schritt. Auch die von der Bauministerkonferenz angeregte weitere Erhöhung der Mittel ist sachgerecht. Die soziale Wohnraumförderung sollte über das Jahr 2019 hinaus als gesamtstaatliche Aufgabe angesehen werden.

Daher ist es auch zwingend notwendig, dass die zugesagte Zweckbindung auch umgesetzt wird. Um auch kurzfristig mehr Wohnungen bauen zu können, müssen die Planungs- und Genehmigungsverfahren deutlich verkürzt werden. Hierzu schlagen wir vor, dass Bund und Länder sog. Typenhäuser definieren. Bei Typenhäusern handelt es sich um standardisierte Gebäude, die nicht mehr im Einzelfall geprüft und genehmigt werden müssen. Sie können schneller zur Verfügung stehen und sind mit ca. 1.500 Euro/qm nicht nur deutlich günstiger als vergleichbare Flächen im Container, die derzeit bei 3.000 Euro/qm gehandelt werden, sie sind auch wesentlich langlebiger und damit nachhaltiger.

Der Bau von Ein- und Zweifamilienhäusern stagniert gegenüber dem Mehrfamilienhausbau – allerdings auf einem hohen Niveau, bei rund 105.000 Wohnungen pro Jahr.

Das Umsatzwachstum im Bauhauptgewerbe wird in 2015 durch die geringe Dynamik im Wirtschafts- und öffentlichen Bau erschwert: Im Wirtschaftsbau zeichnet sich weiterhin keine Belebung der Investitionstätig­keit ab. Die Aussichten bleiben verhalten. Die Order fielen in den letzten beiden Monaten um fast 10 % geringer aus als im Vorjahr.

Die Baugenehmigungen (bemessen nach Baukosten) für Fabrikgebäude stehen zum Vorjahr bei -17 %, für Lagergebäude bei -6 % und für Bürogebäude bei -7 %.

Die Umsatzentwicklung im öffentlichen Bau erreicht per August nicht annähernd das Vorjahresniveau und liegt bei -4 %.

Zur Ausweitung der Investitionstätigkeit sind die ab Juni wirksamen Mittel aus dem Sondervermögen des Bundes über 3,5 Mrd. Euro für Investitionen finanzschwacher Kommunen dringend erforderlich: Gerade finanzschwachen Kommunen gelingt es angesichts der hohen Soziallasten nicht mehr, den Wertverlust von Gebäuden und Infrastruktur gegenzufinanzieren. Der Anteil der kommunalen Investitionen an den gesamten öffentlichen Bauinvestitionen ist um fast 10 %-Punkte auf 55 % gefallen.

Trotz zusätzlicher Mittel des Bundes wird in diesem Jahr noch keine Trendwende bei den öffentlichen Investitionen sichtbar. Wir rechnen hier erst im kommenden Jahr mit einer erkennbaren Steigerung. Hintergrund ist der vom Bund avisierte sog. Investitionshochlauf in der Infrastruktur. Hier soll in 2016 gut 1 Mrd. Euro mehr investiert werden.

Diese Budgetaufstockung, verbunden mit den Investitionsabsichten im Wohnungsbau, begründen eine Umsatzprognose von +3% % im Bauhauptgewerbe in 2016 auf 89 Mrd. Euro. Das sind 2,5 Mrd. Euro mehr als in 2015. Bedingung dafür ist dabei, dass es den Kommunen trotz der Herausforderungen bei der Unterbringung von Flüchtlingen gelingt, ihre Investitionsausgaben im Straßenbau mindestens auf Vorjahresniveau zu halten.

2. Ausbau

Auch die Unternehmen im Ausbaubereich sehen in 2015 und 2016 eine solide Auftragslage und Geschäftsentwicklung. Der Bundesverband Farbe Gestaltung Bautenschutz erwartet bei insgesamt positiver Auftragslage in 2015 ein Umsatzplus. Die wirtschaftliche Lage spiegelt sich auch in stabilen Beschäftigtenzahlen wider. Getragen wird der Trend neben der Baukonjunktur auch von einem positiven Konsumklima im Privatkundenbereich. Lediglich das Geschäftsfeld der energetischen Gebäudesanierung durch Wärmedämmung an Fassaden stagniert weiter. Angekündigte, aber dann nicht realisierte steuerliche Anreize, dürften u.a. dafür ursächlich sein.

Für das Maler- und Lackiererhandwerk wird 2016 insbesondere aufgrund des bestehenden Renovierungs- und Sanierungsbedarfs ein leichter Umsatzzuwachs prognostiziert. Höhere Zuwächse werden durch den intensiven Wettbewerb und die damit verbundene Preissituation in der Branche verhindert.

Das Metallhandwerk blickt auf eine rege Bautätigkeit in 2015. Die Geschäftserwartungen fallen zum Jahresende jedoch verhaltener aus. Gut die Hälfte der Betriebe erwarten zwar keine gravierenden Änderungen, dennoch steigt die Zahl derer, die mit einer wirtschaftlichen Eintrübung rechnen. Das hat Einfluss auf die Investitionsbereitschaft. Lediglich ein Drittel der Betriebe plant derzeit Investitionen.

Zentrale Herausforderungen für die Zukunft werden vor allem im verschärften Preiswettbewerb gesehen, gefolgt vom Fachkräftebedarf. Das Metallbauerhandwerk rechnet 2015 mit einem Umsatzplus von 1,5 %. Der Personalbestand wird weitgehend unverändert sein.

Für 2016 wird ein Umsatzplus von rund 2 % erwartet, in erster Linie getragen von den günstigen Rahmenbedingungen in der Bauwirtschaft insgesamt. Die Unternehmen des Bereiches Ausbau werden in 2015 einen Umsatz von 82,4 Mrd. Euro (+1,5 %) und in 2016 von knapp 84 Mrd. Euro erreichen (+1,7 %).

3. Gebäudetechnik

Ein stabiles Umsatzwachstum zeigte in den letzten Jahren die Sparte Gebäudetechnik. Die Nachfrage nach Gebäudedienstleistungen sowie die Trends zur Gebäudeenergieeffizienz und Modernisierung so wie der barrierefreien Badgestaltung stützen die Auftragslage.

Die aktuellen Umfragen zeigen eine deutlich positivere Stimmung im ZVSHK-Handwerk. Der Auftragsbestand liegt immerhin bei 9,5 Wochen. Die Rahmenbedingungen für das ZVSHK Handwerk - insbesondere die demografische Entwicklung sowie auch die Energieeffizienz - bleiben weiter hervorragend. Daher werden der barrierefreie Umbau von Bädern sowie der Einbau energieeffizienter Heizungstechnik auch in 2016 punkten.

Für 2015 wird mit einem Umsatzwachstum von +2 % gerechnet, in 2016 geht man wegen des erreichten hohen Niveaus der Umsatzentwicklung noch von einem Wachstum von +1 % aus. Die Beschäftigung wird in 2015 leicht zulegen und in 2016 gehalten werden.

Die Mehrzahl der Fachbetriebe des Rollladen- und Sonnenschutzhandwerks konnte in 2015 an den Erfolgskurs des Vorjahres anknüpfen und deutliche Umsatzsteigerungen erwirtschaften. Der Geschäftsklimaindex stieg von 92 Punkten im 1. Quartal auf beachtliche 96 Punkte im 2. Jahresquartal an. Darin spiegelt sich die gute Beurteilung der aktuellen Geschäftslage. Ausschlaggebend für diese positive Entwicklung ist u.a. der anhaltende Trend zur nachhaltigen Wertsteigerung von Wohnimmobilien. Im Fokus von Immobilienbesitzern stehen die Steigerung des Wohnkomforts durch intelligente Gebäudesteuerungen bis hin zu Komplettlösungen mit Smart-Home-Systemen und die Verbesserung der Gebäudesicherheit durch geeignete Einbruchschutzmaßnahmen. Dies sind stabile Trends, die sich weiter verstärken werden.

Für 2015 rechnen die Mitgliedsverbände im Bereich Gebäudetechnik mit einem Umsatz von 61,2 Mrd. Euro (+2,5 %). Sie werden in 2016 einen Umsatz von 62,5 Mrd. Euro erreichen.

Sehr geehrte Damen und Herren,

vor dem Hintergrund der beschriebenen Daten sind wir den vor uns liegenden Aussichten nicht unzufrieden. Auf eines möchte ich allerdings noch hinweisen: Angesichts der Flüchtlingsströme steht auch die deutsche Bauwirtschaft vor gewaltigen Herausforderungen. Sie ist gefragt, innerhalb kürzester Zeit Wohnbauten in großer Zahl fertigzustellen.

Das wollen und können wir leisten.

Was wir in diesem Zusammenhang allerdings gar nicht gebrauchen können, ist eine Verunsicherung von Investoren und Unternehmern durch mögliche Änderungen im Bauvertragsrecht. Der Justizminister hat vor wenigen Wochen einen Gesetzentwurf präsentiert, der die Situation der Bauunternehmer in Deutschland massiv verschlechtern wird. Das ist mit Blick auf die anstehende Herkulesaufgabe nicht zu verantworten.

Die Vorschläge aus dem Hause Maas dürfen so nicht verabschiedet werden; sie müssen grundsätzlich überarbeitet werden. Wir appellieren an die Bundesregierung: Sorgen Sie bitte dafür, dass die dringend notwendigen Baumaßnahmen jetzt nicht durch einen völlig unausgegorenen Gesetzentwurf behindert werden.

Dieser Gesetzentwurf liegt uns wirklich sehr im Magen. Ohne ihn könnten wir wesentlich ruhiger arbeiten. Ein Punkt aus dem Gesetzespaket sollte aber direkt verabschiedet werden, nämlich die Neuregelung zu den sog. Ein- und Ausbaukosten. Hier ist die Bundesregierung aufgefordert, Abhilfe zu schaffen, wie sie es im Koalitionsvertrag vereinbart hatte. Denn es ist nicht fair, wenn Bauunternehmen für die Produkte haften, die sie verbauen, die Hersteller aber aus dem Schneider sind.

Und um auf den morgigen 4. Deutschen Bauwirtschaftstag zu kommen: Die deutsche Bauwirtschaft, die wir repräsentieren, steht insgesamt gut da.

Wir sind der Motor für Wachstum, Wohlstand und Arbeitsplätze. Sicher ein Motor kann mal ins Stottern geraten, aber wenn man ihn gut behandelt, liefert er zuverlässig seine Leistung. Sie ist geprägt durch ihre mittelständischen Betriebe, Familien geführt, Inhaber geprägt und von großer Verantwortung für ihre Beschäftigten erfüllt. 2,5 Mio. Menschen arbeiten bei den rund 300.000 Betrieben.

Damit ist unsere Branche einer der größten Arbeitgeber in Deutschland. Sie trägt 4 % zum Bruttoinlandsprodukt bei.

Und sie baut die Lösungen für alle Zukunftsaufgaben: ob Wohnungen, Klimaschutz, Demographie, Infrastruktur und Integration.

Mehr dazu morgen, beim 4. Deutschen Bauwirtschaftstag, zu dem ich Sie recht herzlich einlade.