Bauen für die Welt von morgen - Rückblicke in die Vergangenheit, Deutscher Baugewerbetag 2000
Anreden
Die Führung des Zentralverbands des Deutschen Baugewerbes wird anlässlich dieses Deutschen Baugewerbetages 2000 in neue Hände gelegt. Ich selbst verabschiede mich nach 22-jähriger Präsidentschaft und übergebe heute offiziell das Szepter an meinen Nachfolger Arndt Frauenrath.
Im Laufe einer so langen Präsidentschaft besteht die Gefahr, dass der Präsident mit dem Verband identifiziert wird und umgekehrt. Dieser eventuell mögliche Eindruck ist jedoch falsch. Die Zeit der absolutistischen Herrschaftsstrukturen des “l`etat c`est moi” sind schon lange passé und hatten im Verbandsbereich noch nie Platz. Der Präsident ist nur das Sprachrohr seines Verbandes. Er hat allerdings durchaus Möglichkeiten, durch seine “Verhandlungsführung” in den Verbandsgremien eigene Vorstellungen einzubringen und auch durchzusetzen – wenn er dazu die notwendigen Mehrheiten findet.
Ein Tag wie heute könnte einen nach so langer Zeit direkt danach drängen, im Rahmen eines Rückblicks Rechenschaft zu legen und dabei Erfolge und Misserfolge in die Waagschale zu werfen. Dieser Drang liegt mir allerdings fern.
Wenn Sie mich heute fragen, welche Erinnerung aus meiner Zeit als Präsident des ZDB mich am meisten bewegt, dann fällt mir sofort der im Frühjahr 1990 in Straußberg durchgeführte erste gesamtdeutsche Baugewerbetag ein. Jenes denkwürdige Ereignis fand damals im Kongresszentrum der ehemaligen “Nationalen Volksarmee” statt und ich erinnere mich gut an meine (ersten) Eindrücke auf der Fahrt dorthin. Der desolate Zustand einer seit über 50 Jahren - die Kriegszeit eingerechnet sogar über 70 Jahre - vernachlässigten Bausubstanz war erschreckend.
In Straußberg begegneten viele meiner Unternehmer-Kollegen erstmals den Vertretern des Bauhandwerks der späteren östlichen Bundesländer. Straußberg wurde so zur Keimzelle der Zusammenarbeit und des Zusammenschlusses zwischen Ost und West, der im Oktober 1990 auch formell auf dem Stuttgarter Baugewerbetag vollzogen wurde. Mit diesem Tag fanden über 40 Jahre getrennte Entwicklung des Baugewerbes in Deutschland ein Ende.
Jedes einzelne dieser vier Jahrzehnte deutscher Nachkriegs-Baugeschichte spiegelte den Geist der Zeit wider.
Nach der “Stunde Null” am 8. Mai 1945 ging es vor allen Dingen darum, mit dem Aufbau des in Schutt und Asche liegenden Deutschlands zu beginnen. Die Trümmerfrauen waren in diesen Tagen “die ersten Bauleute Deutschlands”.
In den fünfziger und sechziger Jahren mußten in West- und Ostdeutschland Wohnungen für die ansässige Bevölkerung und für die vielen Flüchtlinge, die aus Osteuropa kamen, gebaut werden. Aber schon im Gewerbeimmobilienbau zeigten sich erste Unterschiede.
Während in Westdeutschland die Entwicklung eines soliden Mittelstands für eine rege und differenzierte Nachfrage sorgte, mußte Ostdeutschland zunächst mit den Auswirkungen der Reparationsleistungen vor allem durch den Abtransport von Produktionsstätten in die Sowjetunion fertig werden. Hinzu kam eine Konzentration auf die Entwicklung von industriellen Großprojekten.
In den siebziger Jahren wurde Westdeutschland vom Ausbau der politischen und wirtschaftlichen Strukturen der sozialen Marktwirtschaft geprägt. In der Bauwirtschaft bestimmten Themen wie z.B. Rationalisierung, Industrialisierung im Ausbau, Bauschadensverhütung oder die Umsetzung der Wärmeschutzverordnung unsere Arbeit.
Gleichzeitig drückte ein Wandel in der Formensprache der Architektur von Wohn- und Bürogebäuden das Selbstbewusstsein eines vom Mief der fünfziger und frühen sechziger Jahre emanzipierten und demokratiebewussten Volkes aus.
Ostdeutschland feierte zu dieser Zeit die Einführung des Betonplattenbausystems im Wohnungsbau. Mit der Umquartierung großer Teile der Bevölkerung in die “Platte” hoffte man, die ohne mittelständisches Handwerk unlösbare Renovation der umfangreichen Altbausubstanz vermeiden zu können. Sanierungsaufwendige Altbauten wurden einfach abgerissen. Zum Glück fehlte das Geld für großflächigen Abriss.
In den achtziger Jahren begannen wir in Westdeutschland nach mehreren Rezessionen, die mit dem Begriff “Strukturkrise” verbundenen Probleme zu erkennen und versuchten, Lösungsansätze zu finden. An dieser durch den Bau-Boom der Nachwendekonjunktur kurzfristig verdrängten Problematik arbeiten wir noch heute.
In Ostdeutschland stagnierte in diesen Jahren die Bauwirtschaft immer mehr. Innovationen am Bau gab es kaum noch. Die Altbausubstanz zerfiel weiter.
Meine Damen und Herren,
und dann kamen die neunziger Jahre, die zwei auch für unsere Branche einschneidende Ereignisse brachten:
Während die europäische Wirtschafts- und Währungsunion, verbunden mit der Vollendung des europäischen Binnenmarkts und der Einführung des Euro, die sichtbarste Reaktion Europas auf die Globalisierung der Märkte war, stellte die deutsche Wiedervereinigung unsere Wirtschaft - und vor allem die Bauwirtschaft - vor große Herausforderungen. Nach 4 Jahrzehnten der Teilung begannen sich das Leben und die politische Situation der beiden deutschen Staaten schicksalhaft zu verändern - vor allem in Ostdeutschland. Ein Umbruch ohnegleichen; Umwälzungen in zuvor undenkbarer Form beherrschten in den ersten Jahren das Bild Deutschlands.
Fest steht für mich eins: Hätte die Wiedervereinigung noch vierzig Jahre länger gedauert, hätten sich zwei völlig fremde Volksgruppen gegenüber gestanden. Von einer “Wieder”vereinigung hätte keine Rede mehr sein können.
Für den ZDB war in dieser Zeit das Gebot der Stunde, den Strukturwandel in Ostdeutschland, weg von den Baukombinaten mit ihren vielen tausend Beschäftigten hin zu kleinen und mittelständischen Unternehmen, zu unterstützen.
Seither ist viel geschehen. Auch in der Verbandslandschaft im Osten Deutschlands konnte zwischenzeitlich viel erreicht werden.
Manche zu hoch gesteckte Erwartung konnte sich in nur zehn Jahren natürlich noch nicht erfüllen. Die Aufbauleistung dieser Jahre steht jedoch außer Frage. Ich danke daher all jenen, die mit ihrer Tatkraft, mit ihrer Entschlossenheit und mit ihrem Mut dazu beigetragen haben, dass wir heute im gesamten Deutschland die Interessen des Baugewerbes vertreten können.
Meine Damen und Herren,
ein Bündel von noch ungelösten Problemen macht dem deutschen Baugewerbe gegenwärtig zu schaffen.
Schon 1993 kündigte sich in den alten Bundesländern das Ende der einheitsbedingten Sonderkonjunktur an. Die vor der Wende leider nicht bewältigten Strukturprobleme aufgrund der Überkapazitäten und einem dadurch bedingten Verdrängungswettbewerb über den Preis trafen die auf einen Dauer-Boom fixierte Bauwirtschaft nunmehr voll. Die Lösung dieser Strukturprobleme ist seither eine der vordringlichsten Aufgaben unseres Wirtschaftszweiges.
Ein weiteres, unsere Situation noch verschärfendes Problem ergibt sich aus dem kontinuierlichen Rückgang der öffentlichen Bauinvestitionen. Auf die fatalen Folgen dieser Entwicklung wurden die politischen Entscheidungsträger immer wieder hingewiesen.
Erste Erfolge unserer Bemühungen sehen wir nunmehr in der von der Bundesregierung getroffenen Entscheidung, einen Teil der bei der Versteigerung der UMTS-Lizenzen erzielten Mehrerlöse für die Bauwirtschaft, insbesondere für den Ausbau des Straßennetzes, zu verwenden. Auch die in den Bündnisgesprächen Bau vor einigen Wochen erzielten Ergebnisse gehen hier in die richtige Richtung.
Dies alles ist jedoch noch viel zu wenig, um die Baukonjunktur dauerhaft positiv zu beeinflussen. Hier gilt es deshalb “am Ball zu bleiben”.
Unser größtes Problem ergibt sich jedoch nach wie vor aus dem wachsenden Einsatz von Subunternehmern aus den Billiglohnländern in Ost und West.
Durch ständige Interventionen haben wir zwar erreicht, dass die Quote der legal in Deutschland tätigen Arbeitnehmer aus den Nicht-EU-Staaten seit 1993 kontinuierlich sinkt. Das Problem des konstant steigenden Zuflusses illegaler Arbeitnehmer konnte jedoch bis heute nicht - und wird wohl auch in absehbarer Zeit nicht gelöst werden.
Verschärft wird dieses Problem zwischenzeitlich noch dadurch, dass seit der Realisierung des europäischen Binnenmarktes, also seit 1994, vermehrt Subunternehmer aus dem EU-Bereich auf den deutschen Baumarkt drängen und ganz legal unter Ausnutzung ihrer günstigeren Lohn- und Sozialregelungen deutsche Arbeitsplätze nicht nur gefährden, sondern zwischenzeitlich in immer größerem Umfang auch vernichten.
Mit dem 1996 in Kraft getretenen Arbeitnehmer-Entsendegesetz, das den deutschen Mindestlohn als unterste Grenze der Entlohnung am Bau festsetzte, wurde eine erste Hürde aufgebaut. Sie wirkt allerdings nach wie vor aufgrund der sehr schwierigen Überwachung ihrer Einhaltung nur sehr langsam. Weitere gesetzliche Regelungen sind daher notwendig – es sei denn, die hier geforderte Politik nimmt den Tod des baugewerblichen Mittelstandes und damit auch eines Großteils der Arbeitsplätze am Bau hin.
Mit Sorge beobachte ich schließlich auch das rasante Vordringen angelsächsischen Rechts im europäischen Wirtschaftsrecht, das durch die immer stärkere Globalisierung der Märkte auch auf das deutsche Recht zunehmend Einfluss gewinnt. Das angelsächsische Recht kennt im Gegensatz zu uns keinen Mittelstand und orientiert sich daher an industriellen Strukturen. Hier ist die deutsche Politik gefordert, dieser Entwicklung entgegenzutreten und den deutschen Mittelstand als Garant für sichere Arbeitsplätze in allen Regionen zu erhalten. Mit dem vor knapp einem Monat auch von Herrn Bundeskanzler Schröder mit verabschiedeten und unterzeichneten 10-Punkte-Programm zur Förderung und Verstetigung beschäftigungswirksamer Bautätigkeit wurde ein erster Meilenstein auf diesem Weg in die richtige Richtung gesetzt.
Meine Damen und Herren,
ohne das Erreichte schmälern zu wollen darf ich sagen, dass die vor uns liegenden Aufgaben so groß sind wie selten zuvor. Es gilt sie mit Mut und Zuversicht anzugehen.
Gestatten Sie mir abschließend noch einige persönliche Worte. Die Krönung meiner Amtszeit war sicherlich der Umzug unseres Verbandes von Bonn nach Berlin 1998 in das moderne Bürogebäude in der Kronenstraße. Von hier aus hat der Verband die Möglichkeit, in unmittelbarer Nähe zu allen maßgeblichen politischen Schaltstellen unserer Bundesrepublik in einem größeren Europa und einem starken Deutschland die deutsche Bauwirtschaft nach vorn zu bringen.
Zweiundzwanzig Jahre waren eine lange Zeit, verbunden mit vielen Hochs und Tiefs. Aber am Ende kann ich sagen: Es hat sich gelohnt und es hat mir viel Freude gemacht, für das deutsche Baugewerbe wirken zu können.
Ich freue mich, mein Amt nun in jüngere Hände legen zu können. Die Mitgliederversammlung unseres Verbandes hat gestern Arndt Frauenrath zu meinem Nachfolger bestimmt. Sie ist damit meinem Wunsch gefolgt und hat meinen langjährigen Stellvertreter gewählt.
Mit Arndt Frauenrath tritt ein profilierter Unternehmer an die Spitze unseres Verbandes. Ich wünsche ihm alles erdenklich Gute für die vor ihm liegende Aufgabe; vor allen Dingen eine glückliche Hand bei allen Entscheidungen, die er zu treffen hat:
Dem ZDB wünsche ich, dass er seine Ziele verwirklichen und weiterhin viel zum Wohle des Bauhandwerks in Deutschland erreichen kann.
Bei allen von Ihnen, verehrte Kollegen, bedanke ich mich für das jahrzehntelange Vertrauen, das Sie mir immer entgegengebracht haben. Ich wünsche Ihnen bessere Zeiten, weniger Turbulenzen, volle Auftragsbücher mit Gewinn, Gesundheit, Lust und Laune, um das Leben auch genießen zu können.